Kontrollverlust unserer Daten – hinnehmen oder nicht?

Datenschutz vs. Datenexhibitionismus

Im Jahr 2011 nutzen 2 Milliarden Menschen das Internet und es gibt kaum jemanden, der sich vor den Veränderungen der globalen Vernetzung und Digitalisierung verschließen kann. Ganze Branchen werden durch den technischen Fortschritt in Frage gestellt, neue Industriezweige entwickeln sich und mutieren zu Milliardenmärkten. Die alten Gatekeeper verlieren an Macht, neue entstehen. Jeder kann heute als Sender und Publizist von Information auftreten, lediglich ein Smartphone und ein Internetzugang sind nötig. Und jeder scheint dabei überzeugt, die Kontrolle über seine Inhalte zu haben. Schließlich weiß man doch, wem man was geschickt und geschrieben hat, und was wo reingestellt wurde. Doch ist dies wirklich so? Verlieren nicht immer mehr private und auch gewerbliche Content-Anbieter und Internetnutzer langsam, die ihnen sicher geglaubte Kontrolle im weltweiten Netz? Wie sonst ist es zu erklären, dass bei einem 16-jährigen Mädchen aus Hamburg plötzlich 1.600 Menschen vor dem Elternhaus auftauchen, um mit der Minderjährigen deren Geburtstag zu feiern. Ein falscher Klick hatte ausgereicht, und die Einladung zur Geburtstagsparty der 16-jährigen war unwiederbringlich, oder vielleicht noch schlimmer, zunächst unbemerkt an das komplette Facebook-Kollektiv gegangen. Das Ergebnis, die 1.600 ungebetenen Gäste randalierten vor dem Elternhaus, die Jugendliche konnte nicht einen Fuß vor die Tür setzen, und 100 Polizisten mussten die Meute davon abhalten die Geburtstags-Hochburg zu erstürmen, bis sie schließlich nach zähem Ringen die Kontrolle über die Feiernden erlangten. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich vorletztes Jahr auf der Nordseeinsel Sylt. Christopher Stüber, ein arbeitsloser Metallbauer aus Schleswig, wartet dort gerade auf den Prozess, den das Sylter Ordnungsamt gegen ihn angestrengt hat. Der Grund, Stüber hatte über das Internetportal MeinVZ dazu aufgerufen, auf der Insel eine spontane Party zu feiern. 5.000 kamen und hinterließen Berge von Müll und platt gewalzte Dünen. Gemeindeverwaltung, Nord-Ostsee-Bahn und der Tourismus-Service-Sylt wollen nun viel Geld von ihm, immerhin sei er ja der Veranstalter gewesen, und damit verantwortlich für die Sauerei. Veranstalter? Stüber selbst kann das nicht nachvollziehen. Er habe doch nur mit ein paar Freunden feiern wollen und nicht ahnen können, welche Wellen seine Einladung schlagen würde. „Es war doch keine offizielle Veranstaltung“, zitieren ihn zahlreiche Medien. Nun, vielleicht war die Veranstaltung nicht offiziell, aber Stüber hatte die Macht des Netzes über die, von ihm verbreitete, Party-Aufforderung unterschätzt. Er hatte die Kontrolle darüber verloren.

Das Internet vernetzt die Menschen schnell und in großer Zahl. Doch Teilen bedeutet auch Kontrollverlust, denn man kann nie wissen, was mit einem weiter gegebenen Inhalt wirklich passiert. Immer wieder gibt es bspw. Berichte über Politiker, die abfällige Bemerkungen über politische Gegner im vermeintlich geschlossenen Facebook- oder Xing-Zirkel machten, und diese bald darauf frei im Netz zu lesen waren, da sie von Dritten weiter getragen wurden. Immer häufiger ist es nicht möglich die Folgen einer Handlung im Netz abzuschätzen. Kontrollverlust ist eine Erfahrung, die irgendwann jeder macht, der sich ins Internet begibt, und sei es nur durch ein Foto von sich, das plötzlich bei einer Person auftaucht, von der man bislang noch nicht einmal wusste, dass man sie kennt. Im Falle des 16-jährigen Mädchens aus Hamburg sagte ein Sprecher der Hamburger Polizei, man könne die betroffene Jugendliche nicht dafür verantwortlich machen, dass die Party so außer Kontrolle geriet und Besucher sogar festgenommen werden mussten. Im Internet sei eine solche Eigendynamik entstanden, dass ein Einzelner sie nicht mehr hätte steuern können. Zwar hat sich Facebook mittlerweile die Mühe gemacht seine Privatsphäre-Einstellungen zu erweitern, die grundlegende Philosophie des Internetriesen hat sich jedoch nicht geändert. „Wer etwas für sich behalten will, sollte nicht zu Facebook gehen“, sagte kürzlich Richard Allen, Director der EU Policy von Facebook. „Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass jemand, der zu Facebook kommt, anderen etwas mitteilen möchte. Wer privat sein will, der postet nichts im Internet“, so Allen weiter. Selber Schuld also, wer versehentlich Tausende Menschen zu sich einlädt? Hierzu existieren wohl verschiedene Meinungen, die sich, grob gesagt, in zwei Lager einteilen lassen. In das der Datenschützer und in das der Post-Privacy-Bewegung. Während die Verfechter der Privatsphäre im Internet, und des Rechtes eines jeden Internetnutzers seine Daten grundsätzlich für sich behalten zu können, schon seit Jahren mit Internetgiganten wie Google und Facebook kämpfen, sehen die Post-Privacy-Anhänger diese Anstrengungen als falsch und längst überholt. Daten vor Zugriff schützen zu wollen sei schädlich und behindere die Freiheit des Netzes, sagen sie. „Keine Macht den Datenschützern. Ob wir es nun gut finden oder nicht, Privatsphäre ist so was von Eighties“, so Julia Schramm, Politologin und Mitglied der Piratenpartei. „Dem Internet verbieten zu wollen Daten zu kopieren, ist wie der Versuch, Wasser am fließen zu hindern. Computer sind Kopiermaschinen“, bekräftigt auch Michael Seemann, im Internet besser bekannt unter dem Namen „mspro“. Zwar ist er kein radikaler Post-Privacy-Anhänger, vertritt aber in Vorträgen und Texten die These der längst verschwundenen und überholten Privatsphäre. Die heutigen Datenschützer hält Seemann für untauglich. Sebastian Westermayer, Systemadministrator und Mitglied der Piratenpartei geht noch weiter: „Was kann denn schon passieren, Google hat keine Wasserwerfer und Facebook kann mir nicht die Tür eintreten“, sagt er. Interessante Ansicht. Sollen wir also, nur weil Facebook und Co nicht die nötige Kampf-Ausrüstung besitzen, den Kontrollverlust über unsere Daten einfach so hinnehmen? „Das ist eine Binsenweisheit“, ärgert sich Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), und kann sich bei solchen Aussagen nur aufregen. „Ich habe kein Problem damit, wenn sich jeder im Netz nackig machen kann, wie er will. Aber es möge nicht allen als soziale Regel oktroyiert werden“, bekräftigt sie. In einem Buch mit dem Titel „Datenfresser“, das sie zusammen mit ihrem CCC-Kollegen Frank Rieger geschrieben hat, warnen die beiden Autoren explizit vor dem Umgang mit Post-Privacy-Anhängern. Dieser könne „im Ernstfall ähnlich riskant sein, wie intimer Umgang mit habituellen Safe-Sex-Verweigerern“. „Privatsphäre und Datenschutz sind Mittel, sich vor Missbrauch zu schützen“, so Kurz weiter. Westermayer ist jedoch der Meinung, der Kontrollverlust über Daten sei längst passiert. Er sieht dies aber weniger mit Bedauern, als mit Freude: „Schönschreiben der Vergangenheit, damit wird die Öffentlichkeit kaputt gemacht“, findet er. „Dann muss man eben zu seinen Fehlern stehen, und nicht einfach den Löschen-Knopf drücken“, so Westermayer weiter. Ob nun Schutz oder Gefährdung der Öffentlichkeit, die jüngsten Ereignisse lassen einen Kontrollverlust der Daten im Netz nicht von der Hand weisen. Ob sich letztendlich die Ansichten der Datenschützer, oder die der Post-Privacy-Bewegung durchsetzen werden, die nächsten Facebook-Parties werden es zeigen.

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Micropayment – Das Trinkgeld im Netz

Paid Content vs. Kostenlos-Kultur des Internets – was ist eigentlich Micropayment und was nützt es uns? Wörtlich übersetzt bedeutet Micropayment Kleinbetragszahlung. Damit wird vor allem die Bezahlung einzelner Produkte im Internet bezeichnet, beispielsweise der Kauf eines Mp3-Songs bei i-Tunes. Micropayment-Beträge liegen im Bereich von einem Cent bis zu fünf Euro, so dass man durch Micropayment „Güter“ im Niedrigpreissegment erwerben kann. Mittlerweile hat sich auch der Begriff Social-Micropayment etabliert, der auf dem Gedanken einer freiwilligen Zahlung für Onlineinhalte basiert. Hierbei können Internetnutzer dem, für sie interessanten Content, eine Art „Trinkgeld“ zukommen lassen. Geeignete Onlineinhalte sind z.B. Blogartikel, Musikbeiträge, redaktionelle Inhalte oder gar ganze Websites.

Der bekannteste Anbieter auf dem Gebiet des Social-Micropayment ist das Startup-Unternehmen Flattr, das seinen virtuellen Bezahldienst seit Mai 2010 betreibt. Das Prinzip ist schnell erklärt: auf der einen Seite gibt es die Internetnutzer, die interessanten Content, wie z.B. Blogartikel, Musikstücke oder E-Books einstellen, und auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die von diesem Content profitieren, da sie z.B. gerne einen Blogbeitrag lesen. Um interessanten Content zu fördern oder zu belohnen, können sich nun die Contentbezieher (z.B. Leser eines Blogs) bei Flattr anmelden und dort einen bestimmten monatlichen Betrag festlegen, den sie bei Flattr nutzen möchten. Diesen Betrag können sie dann auf die Seiten der Contentersteller (z.B. Blogger) durch Klick auf einen vorhandenen Flattr-Button aufteilen. Der gesamte Betrag wird dann am Ende des Monats an die „geflattrten“ Blogger, Musiker, Journalisten, etc. verteilt. Hierzu ein kleines Beispiel: Ein Flattr-Konto-Inhaber legt einen monatlichen Betrag von vier Euro fest. Nun besucht er in einem Monat 40 Webseiten mit gutem Inhalt, den er durch Klick auf den Flattr-Button belohnt. Am Monatsende bekommt somit jeder Content-Inhaber der 40 Webseiten 10 Cent „gespendet“.

Was aber tun, wenn eine tolle Seite keinen Flattr-Button hat? Bis Anfang Mai diesen Jahres war dies das vielleicht größte Problem von Flattr. „Geflattrt“ werden konnte nur, wer selbst bei dem Service registriert war. User, die einen monatlichen Betrag auf ihr Flattr-Konto eingezahlt hatten, stießen so häufig auf Blogs, Onlineprojekte und Content, denen sie gerne einen Obolus hätten zukommen lassen, die allerdings nicht bei Flattr registriert waren. Seit knapp anderthalb Monaten bietet Flattr nun eine mögliche Lösung für dieses Problem, denn neuerdings erlaubt der Dienst von den Gründern Peter Sunde und Linus Olsson auch das „Flattrn“ von Twitter-Konten. Über das persönliche Flattr-Dashboard lässt sich auf diesem Weg einem beliebigen Twitter-Account eine Geldspende zukommen lassen. Durch eine Authentifizierung mit ihren Twitter-Benutzerdaten, können Nutzer des Microblogging-Dienstes jederzeit ihre erhaltenen Geldmittel in Empfang nehmen. Der entscheidende Vorteil für Flattr: Indem der Micropayment-Dienst seinen Mitgliedern die Gelegenheit gibt Twitter-Konten zu „flattrn“, erhöht es die Zahl „flattrbarer“ Objekte um ein Vielfaches. Personen, Organisationen und Initiativen können nun über den Micropayment-Dienst finanzielle Unterstützung erhalten, ohne bisher Flattr einzusetzen und dessen Button auf ihren Sites integriert zu haben. Aus der engen Anbindung von Flattr an den Microblogging-Dienst Twitter, könnte nun also eine Art Twitter-Äquivalent zu Facebooks Like-Button werden, das zudem nicht nur Auskunft über besonders populäre Konten geben kann, sondern auch eine monetäre Komponente beinhaltet.

Der größte Konkurrent von Flattr unter den Mikrobezahlsystemen ist der Micropayment-Dienst Kachingle, der seine Basis im Silicon Valley hat. Kachingle gibt es seit Ende 2009 und besonders viele Deutsche interessieren sich dafür, wie die Anzahl der deutschen Seiten unter den „Top-Kachingled-Sites“ beweist. Kachingle-Erfinderin Cynthia Typaldos hat hierzu ihre ganz eigene Theorie: „Den Amerikanern geht es immer nur darum das große Geld zu machen“, sagt sie in einem Interview mit der IT-Fachwebsite golem.de. Zwar geht es bei Kachingle durchaus darum Geld zu machen, aber es ist eher das kleine Geld. Wer bei Kachingle mitmachen will, zahlt, im Gegensatz zu Flattr, unterschiedslos fünf US-Dollar pro Monat für eine Art Abonnement. Dieses Geld wird dann anschließend an die Internetangebote verteilt, auf denen der Nutzer einen Kachingle-Button aktiviert, weil ihm etwas gefällt. Wie viel eine Seite von den fünf Dollar bekommt hängt davon ab, an wie vielen Tagen der Nutzer wieder kommt. „Ein einfacher Algorithmus, der auf Besuchstagen basiert“, beschreibt Typaldos. Das Prinzip von Kachingle ist dem von Flattr sehr ähnlich, mit dem weiteren Unterschied, dass bei Kachingle nicht einzelner Content, sondern ganze Websites „kachingelt“ werden. Außerdem ist Kachingle, im Gegensatz zu Flattr, nicht zwingend anonym. Typaldos ist dieser Unterschied sehr wichtig, weil ihr Dienst einen gesellschaftlichen Aspekt haben soll. Denn wenn ein Nutzer über Kachingle Geld verteilt, dann kann er dies zwar anonym tun, das Ziel ist aber, dass er anderen zeigen soll, wen er unterstützt. Typaldos nennt dies Arbeit am „Image der Onlinepersönlichkeit“. Sie meint, dass dies auch andere User anregt:“ Am Ende wollen das alle überall auf der Welt tun“, glaubt sie. Beim Prinzip der Freiwilligkeit ihrer Dienste sind sich Flattr-Gründer Sunde und Kachingle-Erfinderin Typaldos allerdings einig. Von spannenden Inhalten, die hinter Bezahlschranken versteckt werden, halten sie nichts. „Für die meisten wird das nicht funktionieren“, sagt Typaldos mit Blick auf die Verleger, die verstärkt über Bezahlinhalte nachdenken. Das Problem, das beiden Diensten, Flattr und Kachingle, zu Grunde liegt, ist, dass der User für etwas bezahlen soll, was er auch umsonst bekommen kann. Das ist es, was es Typaldos und Sunde auch in Zukunft nicht einfach machen wird. Die beiden Micropayment-Dienst-Betreiber sehen dies allerdings nicht allzu eng. Der Schwede Sunde sagte schon zu Beginn von Flattr: „Ob es klappt oder nicht, ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, es überhaupt zu versuchen“. Und Typaldos formuliert es mit typisch amerikanischer Bescheidenheit so: „Kachingle kann genutzt werden, um die Welt zu verändern“. Ob es klappt? Wir werden sehen.

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Die virtuelle Couch

Burnout, Depressionen, soziale Phobien – Erkrankungen der menschlichen Psyche sind auf dem Vormarsch und werden von Ärzten immer häufiger diagnostiziert. Nach einer mehrwöchigen Kur oder stationären Behandlung in einer Kurklinik geht es den Patienten meist besser, doch der Übergang in den Alltag bereitet vielen große Schwierigkeiten. Das Rüstzeug um mit ihrer Krankheit umzugehen erhalten die Patienten während ihres Klinikaufenthaltes, doch bei der konkreten Umsetzung zu Hause verfallen viele oft wieder in alte Muster. Nach Wochen intensiver Betreuung sind sie wieder auf sich alleine gestellt.

Gerade Depressionen kommen häufig in Schüben wieder. Im ersten halben Jahr nach einer stationären Therapie liegt die Rückfallquote laut Angaben der Panorama Fachkliniken für Psychotherapie im bayerischen Scheidegg bei bis zu 50%. Neue Patienten müssen dagegen nicht selten mehr als drei Monate auf einen Behandlungsplatz warten. Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass in Deutschland jedes Jahr etwa fünf Millionen Menschen an einer psychischen Störung erkranken, es stehen aber nur 1,5 Millionen Behandlungsplätze zur Verfügung. Um diesen Engpass zu beseitigen bietet Dr. Christian Dogs, ärztlicher Leiter der Panorama Fachkliniken in Scheidegg, seinen ehemaligen Patienten eine Möglichkeit sich nach der Therapie weiterhin regelmäßig mit ihm und weiteren Gleichgesinnten über ein Chatforum auszutauschen. Die Idee für diese Neuerung hatte Dogs bereits im Jahr 2001. Mittlerweile ist er mit der Umsetzung seiner Ideen auf diesem Gebiet weltweiter Vorreiter. „Ein stationärer Aufenthalt ist nur der erste Schritt. Die Patienten müssen aktiv ihren Alltag verändern“, so Dogs.

Bis zu zehn ehemalige Patienten zusammen treffen sich zur Nachsorge in diesen virtuellen Therapiegruppen. Mittels Tastatur besprechen sie ihre Stimmungen und Fortschritte, Dr. Christian Dogs moderiert das Gespräch. Jeder der Teilnehmer sitzt an einem anderen Ort in Deutschland, ihre Identität verbirgt sich hinter einem Pseudonym. Verbunden sind sie alle im Chat, im virtuellen Raum, im weltweiten Datennetz. „In den Chats beschäftigen sich die Patienten mit gegenwärtigen Problemen und unterstützen sich gegenseitig“, erklärt Dogs. Viele Krankenkassen akzeptieren diese Online-Nachsorge inzwischen als Standardleistung, weil sie kostengünstig und Erfolgs versprechend ist. Dies bestätigen auch Studien der Forschungsstelle für Psychotherapie der Uniklinik Heidelberg. Bei einer Untersuchung der Scheidegger Chatgruppen stellte die Heidelberger Psychologin Dr. Stephanie Bauer fest, dass unter den Teilnehmern lediglich 22% im Jahr nach ihren Klinikaufenthalt einen Rückfall erlitten. In der Kontrollgruppe waren es doppelt so viele.

Zahlreiche Aufgaben können heute in der virtuellen Welt erledigt werden. Rechnungen können bezahlt, der Urlaub gebucht, Freunde gefunden werden. Sogar zum Einkaufen braucht man mittlerweile keinen fuß mehr vor die Tür zu setzten. Warum also nicht auch die virtuelle Behandlungscouch etablieren? Die Anonymität der Online-Chatgruppen kann vielen Patienten helfen ihre Hemmungen abzubauen und die „Hosen runter zu lassen“. Dadurch, dass jeder der Chatteilnehmer selbst in Therapie war, entsteht ein gemeinsames Grundverständnis. Die Patienten müssen sich nicht jedes Mal von neuem erklären und hoffen, dass sie von ihrem gegenüber verstanden werden. Die Chatgruppen leben von einer Kommunikation, die unabhängig von der räumlichen Distanz, reale Menschen miteinander verbindet.

Das PC-Programm „Deprexis“ möchte hier sogar noch einen Schritt weiter gehen. „Sofort-Hilfe bei Depressionen“ soll es bieten. Auf der Website begrüßt den Nutzer ein kindlich lächelnder Computer. „Künstliche Intelligenz“ versprechen die Macher der Hamburger IT-Firma, soll den Nutzer individuell durch das Programm leiten. Ein menschlicher Therapeut fehlt gänzlich. So weit will Dr. Stephanie Bauer nicht gehen: „Wir wollen die klassische Psychotherapie nicht ersetzten, aber die Situation psychisch kranker Menschen verbessern“. Wer das Hamburger Programm „Deprexis“ nutzen will muss dafür 180 Euro bezahlen. Das Programm ähnelt einem Selbsthilfe-Ratgeber für Depressionen, reagiert aber ganz individuell auf die Eingaben des Nutzers. Konkrete Aufgaben, die der kognitiven Verhaltenstherapie ähneln, stehen im Vordergrund.

Es mag seltsam erscheinen, wenn sich Depressive zu Therapiezwecken allein vor den PC setzen, und sich dadurch noch mehr aus dem sozialen Leben zurückziehen. Doch ach der Psychologe Dr. Thomas Berger, der an der Universität Bern forscht, ist für die „Therapeuten begleitende Selbsthilfe“. „Die Angebote erreichen Patienten, die sich sonst nie zu einer konventionellen Therapie entschieden hätten“, so Berger. Nur 4% der Menschen, die unter sozialen Ängsten leiden, finden unter normalen Umständen den weg in eine Verhaltenstherapie. Die Programme im Internet sind gleichzeitig anonym und bieten durch die Moderation eines Therapeuten zudem eine persönliche Note. Eine perfekte Mischung also. „Das motiviert den Patienten“, stellt Berger fest, „durch diesen minimalen Kontakt entsteht eine persönliche Beziehung, die den Patienten bei der Strange hält“. Bei einer Berner Studie konnten mit der Kombination aus virtueller und zwischenmenschlicher Therapie 65% der Nutzer ihre sozialen Phobien bekämpfen.

Werden wir in Zukunft also alle nur noch virtuell bei unserem Psychotherapeuten auf der Couch sitzen? Eher nicht. Denn so viel die virtuelle Therapie auch bringen mag, Patient und Therapeut können nicht aufeinander reagieren. Eine genaue Diagnose wird somit fast unmöglich. So sieht dies auch Prof. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer: „Ich muss meine Patienten einschätzen können, dazu muss ich sie persönlich kennen lernen“. Eine sinnvolle Ergänzung zu einer herkömmlichen Face-to-Face-Therapie kann die virtuelle Nachsorge jedoch sicherlich darstellen. Sie bietet den ehemaligen Patienten nach der Therapie auch weiterhin Raum sich über ihre Probleme auszutauschen, und vermittelt ihnen das Gefühl auch im Alltag mit ihren Sorgen nicht alleine zu sein.

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Ideenklau unter Internetgiganten

Wie erwartet hat Google vergangenen Donnerstag seinen neuen, mobilen Bezahldienst für Android-Smartphones vorgestellt. „Wallet“ heißt die neueste Erfindung des Suchmaschinengiganten, die unser Leben in Zukunft erleichtern soll. Zusammen mit „Offers“ kombiniert „Wallet“ nun also Zahlungen per Handy und liefert gleichzeitig noch Sparmöglichkeiten durch  Coupons und Rabatte.

Möglich wird dies alles durch eine Kurzstreckenfunktechnik namens NFC (Near Field Communication), die einen einfachen, schnellen und drahtlosen Datenaustausch zwischen zwei Geräten ermöglicht. NFC wird schon seit Jahren als wichtiger Mobilfunktrend gehandelt und soll die Art und Weise, wie wir für Dienste bezahlen grundlegend verändern. Dies funktioniert so: Kommt ein mit NFC-Chip ausgestattetes Mobilgerät in die Nähe eines Lesegerätes, können beide über eine drahtlose Schnittstelle bis etwa 50 Zentimeter Entfernung miteinander kommunizieren. Auf diese Weise findet eine Datenübertragung von Strichcodes, Gutscheinen, Kreditkartendaten oder auch Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr statt.

Das erste Mobiltelefon, das die neuen Dienste dank eines integrierten NFC-Chips von NXP unterstützt stammt, wer hätte es gedacht, ebenfalls aus dem Hause Google. Es handelt sich hierbei um das neue Android-Modell Nexus S. Mit ihm lassen sich Zahlungen über das Pay-Pass-System von MasterCard ausführen. MasterCard ist nicht der einzige Zahlungssystem-Partner, den Google sich für sein Mammutprojekt mit ins Boot geholt hat. Unter anderem sind auch Sprint, Citi und FirstData mit von der Partie.

Nutzer von „Wallet“ und „Offers“ erhalten neben dem mobilen Zahlen außerdem die Möglichkeit, sich für ihre mobilen Käufe belohnen zu lassen. Dies funktioniert mit Hilfe von Rabattgutscheinen, die der Nutzer, der regelmäßig bestimmte Produkte kauft, direkt auf sein Smartphone zugestellt bekommt. Zum Einlösen der Rabattcoupons gilt dasselbe Prinzip, das auch der Bezahlung mit dem neuen System zu Grunde liegt: Der Kunde muss sein Mobilgerät an einem Terminal vorbeiführen, anschließend wird seine Kreditkarte belastet, Gutscheine mit eingerechnet. Im Gegenzug erhält der Nutzer noch Treuepunkte für seinen Einkauf und einen Zahlungsbeleg aufs Handy.

Klingt toll, oder? Nun, die ebay-Tochter PayPal scheint da, was den Erfinder der neuen Technik angeht, nicht ganz einverstanden zu sein und hat sofort nach Googles Neuvorstellung bei einem Gericht in Santa Clara County, Kalifornien, Klage gegen den Internetriesen und 52 seiner Mitarbeiter eingereicht. Der Vorwurf wiegt schwer, Google soll für seinen NFC-Bezahldienst Techniken der ebay-Tochter verwendet haben. Die geheimen Informationen stammen angeblich von Osama Bedier, Vice President Payments bei Google. Woher Bedier diese Informationen haben soll? Bis Ende letzten Jahres war Osama Bedier laut Klageschrift als Vice President für Produktentwicklung am Aufbau einer mobilen Bezahlplattform bei PayPal beteiligt. Bei Google ist Bedier nun erst seit Januar diesen Jahres beschäftigt und dort für die Einführung solcher Point-of-Sale Technologien verantwortlich. „Google und Bedier haben Geschäftsgeheimnisse missbraucht…“ heißt es in der Klageschrift weiter. Wie Bedier zu Google gekommen ist? Stephanie Tilenius, Vice President des Bereichs E-Commerce bei Google und ebenfalls ehemalige PayPal Managerin soll Bedier abgeworben, und somit ihre vertraglichen Pflichten verletzt haben. Des Weiteren weist PayPal darauf hin, dass Bedier zwischen 2008 und 2011 an Verhandlungen mit Google beteiligt war, die zum ziel hatten, PayPal als Bezahloption in Google’s Android-Market zu etablieren. „Genau an dem Punkt, als die beiden Firmen vor dem Abschluss eines Android-PayPal-Geschäfts standen, hat sich Bedier bei Google um einen Job beworben, ohne PayPal über den Interessenskonflikt zu informieren“, so die ebay-Tochter. Die Klageschrift listet weitere 50 nicht genannte Personen als Beklagte auf. PayPal fordert Schadenersatz in nicht genannter Höhe, sowie Entschädigung und Lizenzgebühren.

 

Und Google? Die Markteinführung seines Bezahldienstes hat Google für den Sommer diesen Jahres angekündigt. Bis dahin laufen Tests für „Wallet“ und „Offers“ in San Francisco und New York. Zu den Händlern, die die neuen Dienste unterstützen zählen die US-Kaufhauskette Macy’s, die amerikanischen Fast-Food-Läden von Subways, die Wallgreens-Drogeriemärkte, Toys R Us, Bloomingdales und Guess. Anfänglich kann Google „Wallet“ mit der CitiMasterCard und der Google Prepaid Card, die sich mittels beliebiger Kreditkarten aufladen lässt, benutzt werden. Um dem System zum Durchbruch zu verhelfen, greift Google auf sein bewährtes Umsonst-Prinzip zurück. Nach derzeitigem stand fallen wohl keine extra Gebühren für Transaktionen an. Google verdient über Werbung und Verbreitung des Smartphone-Systems Android sowie mit Google „Offers“, dem Rabattdienst von Google, der dem Kunden Rabattangebote und Gutscheine aufs Handy sendet. Wenn der Kunde diese annimmt, kassiert Google eine Provision. Da Google Android inzwischen das Smartphone-Betriebssystem mit dem größten Marktanteil ist, wird dem Internetkonzern eine starke Position in dem entstehenden Markt vorhergesagt. Die PayPal-Klage zeigt jedoch, wie hart der Konkurrenzkampf um die Technologien der Zukunft jetzt schon ist.

 

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Topf sucht Deckel – Liebe(r) virtuell

Schnell, einfach, bequem und unkompliziert soll sie sein, die Online-Suche nach dem perfekten Partner fürs Leben. Passen soll es, am besten auf Anhieb. Nicht umsonst steht am Anfang der Suche nach der besseren Hälfte bei vielen Online-Dating-Plattformen ein seitenlanger Persönlichkeitstest, der sicherstellen soll, dass die zukünftige Internet-Bekanntschaft sich zu einer Beziehung entwickelt, die bis ans Lebensende hält. Was geht Ihnen vor einer Party durch den Kopf? Mögens Sie es lieber klassisch oder sportlich? Welches Essen bevorzugen Sie? Wie würden Sie Ihrer neuen Bekanntschaft beim ersten Treffen Ihre Aufmerksamkeit kundtun?

So lauten nur einige Fragen aus dem Fragenkatalog, der beziehungswilligen Singles auf den meisten Online-Plattformen entgegenschlägt. Wer alle Fragen beantwortet bekommt als Belohnung ein 80-seitiges PDF mit seinem Partnerprofil zugeschickt. Die Prozedur erinnert stark an die Buchvorschläge, die dem Internet-User z.B. bei Amazon unterbreitet werden, oder an Musikempfehlungen, mit denen man als Internet-Nutzer in manchen Netzwerken regelrecht überschwemmt wird. Dabei geht es eigentlich immer nur um eines: es wird nach Ähnlichkeit gesucht. Alles was nicht passt wird rigoros aussortiert, es wird optimiert was das Zeug hält, auch wenn es sich dabei nicht immer um Bücher oder Musik, sondern um potentielle Partner, immer noch Menschen, handelt. Auf diese Weise läuft man keine Gefahr über einen völlig neuen, anderen Menschen zu stolpern, neugierig zu werden und sein Glück einfach zu probieren. Das Ausblenden von Andersartigem war noch nie so einfach. Online-Dating fördert gesellschaftliche Gräben, bei denen es längst an der Zeit wäre sie zu überschreiten.

 Dennoch glaubt nach einer aktuellen Studie von Infratest dimap zufolge, jeder zweite Deutsche Single an die große Liebe aus dem Netz. Der Online-Traumpartner scheint für viele zum greifen nah, nicht umsonst sind pro Monat mehr als 7,5 Millionen Deutsche in verschiedenen Single-Börsen aktiv. Die Liebe im Netz scheint dabei aber nicht ganz so blind zu machen wie im realen Leben. Immerhin zweifeln drei von vier Deutschen die Ehrlichkeit von Menschen in virtuellen Partnerbörsen an. Zurecht. Beim Online-Dating wird ordentlich gemogelt. Hier ein paar Zentimeter größer, dort 1000 Euro monatlich mehr in der Tasche und zu guter letzt können ein paar Kilo weniger auf den Rippen ja auch nicht schaden.

So präsentieren sich Couchpotatoes als wahre Sportskanonen, mollig Single-Frauen bezeichnen sich als „kurvig“ oder „wohlgeformt“ und die größten heterosexuellen Langweiler betiteln sich im Netz als „bisexuell“ um vor dem künftigen Partner besonders abenteuerlustig zu wirken. Das hier etwas faul ist, dachten sich auch die Betreiber der kostenlosen Dating-Agentur OKCupid, und unterzogen ihre 1,5 Millionen Nutzer einem kritischen Blick. Die Erkenntnisse hierzu befinden sich im OKCupid Blog und decken sich wohl mit den Vorstellungen jedes halbwegs realistischen WWW-Nutzers.

 Was also bewirkt das Internet in diesem neuen Modell der Partnersuche und was unterscheidet den Kontakt mit potentiellen Partnern über das Internet mit dem im realen Leben? Die Züricher Soziologen Gese und Bühler haben folgende Schlussfolgerungen gezogen: Die Leistungsgewinne elektronischer Partnerbörsen liegen in der Möglichkeit aus einer stark erhöhten Vielfalt von Alternativen mit geringem Aufwand in kontrollierter, rationaler Weise gewünschte Selektionen zu treffen. Es geht also um Optimierung und die optimale Partnerwahl, mit der optimalen Konstellation von psychischen und physischen Eigenschaften.

Der heutige Nutzer von Online-Dating-Börsen verhält sich also wie ein aufgeklärter Konsument, immer auf der Suche nach der perfekten „Ware“, sich selbst gleichsam als solche verkaufend. Nicht umsonst heißt es bei frisch gebackenen Singles:“ Ich bin wieder auf dem Markt“. Die Partnersuche ist nach festen Selektionskriterien durchgeplant. Falls eine Beziehung mit dem im Internet „erworbenen“ Partner dann doch etwas schwierig wird, waren eben die Auswahlkriterien nicht gut genug und müssen bis zum nächsten Mal noch etwas optimiert werden. Was dabei, außer einem selbst, auf der Strecke bleibt? Das, was die Liebe ausmacht.

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Wir Werbeprofis – der Druck sozialer Netzwerke

Soziale Netzwerke sind der Boom-Bereich  des heutigen Internets. Sie sind Tagebuch, Kalender und Kontaktbörse zugleich und bringen zusammen was zusammen gehört. In sozialen Netzwerken laufen die virtuellen Identitäten der Nutzer zusammen, in der Hoffnung auf größtmögliche Popularität und Anerkennung. Je mehr so genannte „Freunde“ man in seiner Freundesliste vereint, umso wichtiger, toller und besser darf man sich fühlen. Der Einfluss und vor allem das Selbstwertgefühl scheinen exponentiell mit der Anzahl der gesammelten Kontakte zu steigen. Warum? Weil alles, was wir online tun nur dem Ziel folgt dafür bezahlt zu werden. Aber nicht etwa mit Geld, sondern mit der wohl härtesten Währung unserer Zeit: Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit ist kostbar und genau das macht es so schwierig sie zu bekommen. Um also ein bisschen von ihr zu erhaschen, verlassen wir die Wirklichkeit und entwickeln eine Demoversion von uns selbst, die wir wie eine Werbekampagne für unser Ich geschickt im Netz platzieren. Unser Image von unserer Person kreieren wir wie ein echtes Marketinggenie, das für sein Auftraggeber-Unternehmen eine Corporate Identity entwickelt um das Unternehmen an die Spitze zu bringen.

Wir präsentieren uns als furchtlose Abenteurer, obwohl wir bei allem was mit einem Adrenalinanstieg verbunden ist sofort reiß aus nehmen, inszenieren uns als Partyqueen, wo wir doch eigentlich viel lieber auf der Couch sitzen und Schnulzen ansehen, und stellen unermüdlich Fotos von angeblich selbst gekochten Leckereien ins Netz, und das trotz der vielen Pizzen und Döner, die für uns schon seit Wochen als Frühstück, Mittag- und Abendessen zugleich dienen.

Kurz gesagt, wir posten Sachen, von denen wir wissen, dass sie leicht zu „konsumieren“ sind. Denn die Undurchsichtigkeit einer Person empfinden wir als anstrengend, vor allem virtuell. Am liebsten teilen wir jedem Kontakt eine bestimmte Eigenschaft zu, oder wählen einen bestimmten Bereich aus, mit dem wir diese Person verbinden. Die Süße, der Coole, der Abenteurer, die Schlaue, der Abgedrehte usw. Hauptsache die Person ist einprägsam und vor allem: kohärent. Da wir dies in der Realität im Allgemeinen nicht sind, posten wir eben das, was unmissverständlich ist: Werbung statt Wahrheit.

Alles was nicht gefallen könnte sortieren wir knallhart aus. Die Lästertante, den Faule, den Aggressive und die Heulsuse kehren wir restlos unter den Teppich. Keiner säuft, keiner nervt, keiner weiß ständig alles besser. Alle sind einfach nur mega-toll. Wir erschaffen auf Hochglanz polierte Charaktere, wie aus einem erstklassigen Hochglanz-Magazin. Für unser verständliches Image, unsere übertriebene Freundlichkeit und den Verzicht auf Negativität bekommen wir Bestätigung vom Publikum. Da heißt es dann: „Tolles Profil“, „Süßes Pic“, „Gefällt mir“. Das wiederum finden wir toll, und wollen mehr davon. So gewinnt das Publikum immer mehr Einfluss darüber, wer wir sind.

Dabei besteht ein ungeheurer Mitmach-Druck, fast eine Art Gruppenzwang, dem man leicht unterliegt. Ein Schüler ohne Schüler-VZ-Profil? Ein Außenseiter. Es entsteht ein Teufelskreis. Ohne virtuelles Ich – ein Niemand. Je mehr virtuelle Freunde, desto höher der Druck etwas über sich zu posten um zu gefallen. Je mehr Verzerrte man über sich einstellt, desto mehr verzerrt sich auch die Selbstwahrnehmung. Nicht umsonst haben zahlreiche Studien ermittelt, dass, wer viele virtuelle Kontakte pflegt, auch unter erhöhtem Stress leidet. Einerseits wird der Druck durch die Tatsache erzeugt unbedingt gefallen zu wollen, andererseits dadurch etwas zu verpassen, sobald man den „Logout-Button“ klickt. Die Angst aus dem privaten Nachrichtenkosmos ausgeschlossen zu sein treibt uns um. Bleibt die Frage: Müssen wir uns das alles antun?

Vielleicht haben diese geschönten und geschniegelten Demoversionen ja auch ihr Gutes. Sie bieten uns eine Art virtuellen Schutzpanzer in der riesigen Cyber-Welt. Selbstdarstellung als Schutz vor verletzenden Angriffen in der zweiten Welt, denen wir in der ersten Welt Tag für Tag ohne Schutz gegenüberstehen. Denn in zwei Welten gleichzeitig zu kämpfen, überfordert wohl auch den coolsten Adrenalinjunkie.

www.sueddeutsche.de/…/selbstdarstellung-im-netz-das-ego-geht-online

www.netzwertig.com/…/selbstdarstellung-im-internet-der-unterschaetzte-faktor/

https://www.klicksafe.de/cms/upload/user…/Baustein_4.pdf

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Mobbing in der virtuellen Welt

Cyber-Mobbing, virtueller Pranger, Rufmord 2.0. Ohne das World Wide Web geht heutzutage nichts mehr. Dessen Anonymität bietet jedoch viel Raum zum Missbrauch. Kollegen werden gemobbt, Nachbarn fertiggemacht, Privatpersonen denunziert und Schüler aufs Übelste beschimpft und beleidigt. Verleumdung, die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und die Verletzung des Rechts am eigenen Bild stehen an der Tagesordnung. Einer aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest zufolge, wurde jeder vierte Jugendliche bereits virtuell gemobbt. So kennt auch jedes dritte Mädchen und jeder zweite Junge zwischen 12 und 19 Jahren jemanden, der im Internet schon einmal fertiggemacht wurde. Gleichzeitig wächst die Bedeutung der Online-Communities rasant an. Jedoch werden auch Beschimpfungen, Lästereien und Verunglimpfungen dort mehr und mehr zur Tagesordnung und geraten zusehends außer Kontrolle. Der Grund: Im Internet gibt es keine zeitlichen und räumlichen Grenzen. Mobbing findet dort rund um die Uhr statt. Es ist immer und überall, und stößt zudem auf ein großes, meist sehr neugieriges Publikum. Die Debatte um das Cyber-Mobbing ist nicht neu, und findet auch nicht erst seit gestern statt. Den Gipfel allerdings erreichte sie wohl erst vor einiger Zeit, mit der perfiden Internetseite „IShareGossip“.

„IShareGossip“ selbst bezeichnet sich als Webseite, auf der Nutzer „100% anonym an deiner Schule, Universität oder Arbeitsplatz lästern“ können. Es sind vor allem Schüler, die dieses Angebot nutzen. Eine Seite nur für Drohungen, Beleidigungen, Verleumdung und üble Nachrede. Kürzlich wurde die Seite von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) auf den Index gesetzt. Und auch auf einer Liste von Filterprogrammen kommt sie nun vor, sodass sie auf Rechnern mit diesen Programmen nicht mehr erreichbar ist. Dies alles geschah, nachdem Eltern, Lehrer, Lokalpolitiker, Medienpsychologen und diverse Mobbing-Experten und Pädagogen sich dafür eingesetzt hatten. Schließlich mischte sich sogar Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in die Debatte ein, und auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen die Betreiber. Doch, ist das wirklich sinnvoll? US-Domain, schwedischer Server, lettische Firma. Die Seite „IShareGossip“ ist so gut wie nicht zu „fassen“. Laut Impressum ist der Verantwortliche der Seite ein Mann namens Alexander Liepa mit einer lettischen Firma in Riga. Angemeldet wurde die Domain der Seite in den USA, gehostet wird sie von einem schwedischen Provider, bzw. von der Firma PRQ von Gottfrid Svartholm. Dieser ist ganz und gar kein Unbekannter. So geht z.B. auch die Bittorrenttracker-Seite „PirateBay“ auf sein Konto, wegen der er sich vor Gericht mit der milliardenschweren US-Unterhaltungsindustrie angelegt hatte. Unwahrscheinlich also, dass ein solcher Provider, der sowohl „Thepiratebay“ als auch „Wikileaks“ hostet, sich von ein paar Briefen der deutschen Staatsanwaltschaft einschüchtern lassen wird. Die Tatsache, dass „IShareGossip“ auf dem Index steht, bedeutet ebenfalls nur, dass sie in den Suchergebnissen der größten Suchmaschinen nicht mehr angezeigt wird. Die Seite selbst ist jedoch weiterhin zugänglich und wird es wohl bleiben. Und auch das Cyber-Mobbing auf herkömmlichen Seiten oder diversen anderen Portalen und Plattformen wird sich nie vollständig bekämpfen lassen. Denn, das Internet vergisst nicht. Selbst wenn die Täter des Cyber-Mobbing gefunden und verurteilt werden, können gelöschte Inhalte im Cache gespeichert und wieder aufgerufen werden. Aber selbst dies ist nicht immer nötig. Vielleicht haben schon längst andere User das Bild, das Video oder den Text von der Online-Plattform kopiert und weiterverbreitet. In Zukunft ist eine Abnahme des Cyber-Mobbing nicht zu erwarten. Im Gegenteil, es wird wohl noch schlimmer werden. Warum? Weil die virtuelle Treibjagd auf Plattformen wie „rottenneighbour.com“ oder „rache-ist-suess.de“ immer wieder und immer mehr Anhänger finden wird. Denn die Anonymität der Cyber-Welt bietet den „Mobbern“ Gelegenheit Aggressionen herauszulassen, für die in der Realität deren Selbstbewusstsein wohl nicht ausreichen würde.

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